Ein lamentierender Text

Manchmal muss man auch eine Schreibblockade literarisch verwursten.

Ein lamentierender Text

Es gibt zu viele Worte. In jeder Zeile, die ich schreiben will, schwingt die Rechtfertigung dafür mit, dass ich das überhaupt vorhabe, dieses „Schreiben“, dieses urwüchsige Bedürfnis nach Ausdruck, irgendwas muss da ja sein, was noch nicht gesagt wurde, noch nicht in dieser Konstellation von irgendjemand zu Papier gebracht wurde, und wenn ich jetzt einen Punkt mache, dann ist das zu früh, wenn ich jetzt einen Punkt mache, habe ich noch nichts gesagt, denn alles, was bisher gesagt wurde, wurde so bestimmt schon einmal gesagt, also schreibe ich, um noch irgendwo ein Wort, einen Satz herauszupressen, den letzten Saft aus der Zitrone, obwohl der Zustand immer näher rückt, in dem alles gesagt ist, möchte eigentlich gerne Geschichten erzählen, aber dazu fehlt mir die Kraft, eine Geschichte zusammenzuhalten, denn Geschichten sind nicht das Leben, das Leben ist Willkür, das Leben passt nicht auf 50 bis 1000 Seiten, das Leben pflanzt sich selbst, verzweigt sich ins Unermessliche, bis man austrocknet, das Leben ist mehr als man selbst, das Leben ist alles! Aber die Kunst soll doch sein wie das Leben, das Leben imitieren, aber möchte ich das Bla Bla imitieren, dass mir jeden Tag aufs Gleiche vor die Füße geschmissen wird? Die Gesichter, die so viele sind, das keins von ihnen wirklich hängen bleibt? Die tausend Schritte, die man jeden Tag zu nichtigen Orten geht, die einem so wenig zu sagen haben? Diese ganzen Fragen des Lebensstils? Kommt langsam die Zeit, in der man sich der Kunst verweigern muss, um sich davor zu bewahren, dass die Kunst scheiße wird, um sich davor zu bewahren, dass man über Nächte in Bars und Alkohol und die Liebe schreibt, weil man nichts anderes kennt? Ich kenne ja anderes. Aber es gibt zu viele Worte. Jeder Satz ein fast nicht zu stemmender Entscheidungsprozess, auch wenn es leicht fällt, ein wenig Gestammel ins Word-Dokument, auf das Papier, in Gedanken so dahin zu ejakulieren, es kommt einfach raus, ja, es soll ja einfach raus kommen, man soll ja einfach machen, frei soll man sich schreiben, spielen, singen, tanzen, frei soll man sich fühlen, bewegen, lecken, vögeln, frei soll man dem Tod entgegenrasen, einfach machen, voll lässig, man kann ja eh alles machen, weil alles eh relativ ist, und es gibt eh keine Regeln mehr, also is eh alles wurscht, und dabei fühlt sich die Freiheit so erdrückend an, so viel Spielraum lässt sie einem, dass man fast vergisst, wie unfrei man eigentlich ist. Aber es ist meine Freiheit, mich auszudrücken, und ich will mich ausdrücken, wie den Eiter aus dem Pickel, bis aus mir nichts mehr zu holen ist, bis alle sagen, ja, von dem Typen kann man nichts mehr holen, Ausdruck Ausdruck Ausdruck Druck Druck der Druck, es geht nicht weiter, mein Kopf ist ein Flaschenhals, in dem sich alles staut vor Druck. Gedankenverstopfung. Kann mal einer den Bullshit runterspülen? Kann bitte mal jemand diese Gedankenkotze aufwischen? Mit jedem Satz rechtfertige ich mich dafür, dass ich Wort an Wort reihe, ich muss ja nicht schreiben, aber ich möchte, weil ich ja so frei bin. Verdammt, es geht nicht voran, durch den Morast, durch den Sand, einfach durch die Luft, ich muss mit der Machete durch die Luft schneiden, um Schritte zu machen. Ich hyperventiliere, wenn ich dieses Klackern höre, das meine Finger auf der Tastatur machen. Ich brauche es, und es macht mir Angst. Die Muster bedrohen mich, in die ich mich immer wieder verformuliere, verheddere. Der Mustersatz, der mit Ich beginnt, dem sich wiederum ein Verb anschließt, womit der Satz etwas feststellt, was zu „Ich“ gehört, eine Tätigkeit, einen Wunsch, eine Identität. Das Aneinanderreihen von Fetzen, die nur durch Kommata getrennt werden, sprachliches Hackfleisch. Das Benutzen von Redensarten in einem ach so poetischen Kontext. Damit man zeigt, dass man nicht auf den Mund gefallen ist, dass man nicht nur den Teufel an die Wand malen kann, sondern auch den vorbei trabenden Gäulen ins Maul schaut. Und die Stereotypen, immer diese hundertfach verwendeten Stereotypen, die Mutter, der Vater, die Jugend, die Familie, die Isolation, der Eremit, die Diva, der Detektiv, etc., die alle so wenig mit dem Leben zu tun haben, mit dem Leben, in dem jeder einzelne hunderte Menschen ist, in dem man die Existenz nicht mehr adäquat in Sätze verpacken, zuschnüren und an einen Verlag schicken kann. Mich befällt eine sprachliche Ohnmacht, wenn ich mir vorstelle, dass man sich selbst und die Welt für seine Sätze so sehr vereinfachen müsste, um überhaupt irgendwo hinzukommen, um den Leser überhaupt irgendwo hinzulocken, denn bei so vielen Worten, die uns andauernd umfliegen, ist es ja schon eine Gnade, dass man mir überhaupt zuhört. Irgendwas muss man ja, möchte man ja machen. Aber die Fallen sind so groß, und sie machen mir Angst. Die Fallen, in die man beim Sprechen, beim Schreiben, bei allem, jederzeit tappen kann. Ich möchte meinen Wortschatz aufreißen, meine ureigenste Buchstabensuppe auffressen und endlich neue Worte, neue Sätze lernen, die auch etwas erzählen, will mit dem Kopf gegen die Wand rennen, immer wieder, doch davon wird er nur weh tun, das weiß ich. Es wird bluten, und mit einem blutenden Kopf ist zwar viel Effekt gemacht, doch niemand geholfen. Also werde ich jetzt den Mund schließen, meine Finger abnehmen und in meinem Kummerkästchen verschließen, aber irgendetwas wird mich wieder vors Papier zerren, mein Kopf wird schwer werden, sich hinsetzen, auf einen Bildschirm starren, und dann werde ich mich wieder fragen, was ich auf dieser weißen Fläche eigentlich soll, und einer wird vorbeikommen und mich fragen, warum ich mich so aufrege, wenn die Kinder in Afrika es doch viel schlimmer haben, und ich werde nichts sagen, weil es mir zu blöd ist, meinen Ärger mit dem Leiden anderer zu besänftigen, das ist so westeuropäisch. Und ich werde um mich blicken und keine Fragen suchen, keine Antworten finden, und dann werde ich stattdessen ein wenig kranken, gelben Rotz hochziehen und mit Schmackes auf den Boden spucken, damit diese Welt wenigstens ein bisschen Farbe bekommt.

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