Ich, Du, Wir oder: Scramble Suit

Im Film “A Scanner Darkly” von Richard Linklater (nach einem Roman von Philip K. Dick) arbeitet eine Drogenpolizei mit den sogenannten “Jedermann-Anzügen” (engl. “Scramble Suit”). Dieser Anzug ist ein Ganzkörper-Overall, der die Oberfläche eines Menschen beliebig transformiert, so dass der Mensch im Anzug eben Jedermann sein könnte. An diese Idee ist der folgende Text angelehnt. 

Ich, Du, Wir
oder: Scramble Suit

I

Ich bin.
Ich wurde nicht gefragt, ob ich das möchte.
Ich bin meine Geburt.
Ich bin der Fötus, den die Erde ausgespuckt hat.
Ich bin ein Mann.
Ich bin eine Frau.
Ich muss etwas sein.
Ich bin, was ich muss.
Ich muss sterben.
Ich bin mein Tod.

Ich bin das Blut, das durch mich pumpt.
Ich bin die Haut, die mein Fleisch eingrenzt.
Ich bin meine Muskeln, meine Innereien, mein Knochengerüst.
Ich bin mein Hirn.
Ich bin dein Hirn.
Ich bin ich und die anderen.
Ich bin Mama, Papa, mein erstes Wort.
Ich bin mein erster Ball, mein erster Teddy, mein erstes Filmgruseln.
Ich bin meine Pubertät, ich bin mein erstes Mal.
Ich bin mein Kopf, ich bin mein Bart.
Ich wachse und wachse, werde länger und größer, ich bin meine Brustkorbtrommel.
Ich bin das Östrogen im Schweinefleisch. Ich bin meine Brüste.
Ich wachse und wachse über meine Körpergrenze hinaus.
Um dann plötzlich zu schrumpfen.

Dann bin ich mein Abitur.
Ich bin meine Arbeit.
Ich muss meine Arbeit sein.
Sonst verhungere ich.
Ich bin der Hunger.
Ich bin der Durst.
Ich bin ein Säufer und trinke nur Champagner.
Ich bin ein Kiffer.
Ich bin ein Bänker im Anzug und der Penner im Aufzug.

Ich bin scheinbar.
Man kann durch mich hindurchsehen.
Und doch bin ich massiv.
Du kannst nicht vor mir weglaufen.
Ich bin ein Klavier und krache auf den Boden.
Ich bin ein Block aus Granit, der durch die Wände geht.
Ich bin Geist und Körper, ungreifbar und doch aus Fleisch.
Ich bin das, was ich suche.
Auf der Straße, auf dem Feld, im Netz.
Ich bin im Netz. Ich bin das Netz.
Ich bin der Klick, das Crowdfunding, der Shitstorm.
Ich bin ein Troll, ein Hater, ein Liker.
Ich bin Aufbegehren.
Je suis Charlie.
Watashi ha Fukushima.
I am Batman.
Ich bin das Theater.
Ich bin RTL 2.
Ich bin Hamlet und Assi Toni.

Ich bin die Demokratie, die Anarchie, ich bin Che Guevarra.
Ich bin eine Alternative. Ich bin besorgt.
Und wenn ich Lust habe, bin ich ein Indianer, ein ganzes Naturvolk.
Ich bin die Rede des Häuptlings Seattle.
Ich bin ein Roboter.
Ich bin meine Zigaretten, mein Parfum, meine Kleidung.
Ich bin das Leiden der anderen und meines Glückes Schmied.
Ich bin dehnbar, in alle Formen knetbar.
Ich bin ein Teig.
Ich bin ein Kind.
Und will doch in meiner Form verharren wie ein Greis.
Ich bin ein Kreis, ein Quadrat.
Ich bin quadratisch, praktisch, gut.
Mit mir wird gemacht, was getan werden muss.
Ich bin was ich muss.
Ich bin was ich mache.

II

Du bist.
Du wurdest nie gefragt, ob du das möchtest.
Du bist die Liebe meines Lebens und mein größter Feind.
Du bist mein Spiegel und mein Gegenstück.
Du bist deine Augen, deine Zunge, dein Mundwerk.
Du bist eine Figur aus Marzipan.
Du bist ein Wolf.
Du bist die Mutter Theresa der Großsstadtschluchten.
Du bist nie die eine Linie. Du bist viele.
Ich bin viele.
Ich bin selbstreflexive Ego-Kacke.
Ich bin ein Künstler und ein Dilletant, ein Slammer und ein stotternder Mann.
Du bist meine bessere Hälfte, mein Toxin, meine Gothic-Schallplatte.
Du bist mein Geburtstag.
Du hältst meinen Kopf in deinen Händen.
Wir wechseln unsere Gestalt.
Wir mutieren.
Du bist ein Körper.
Ich bin ein Körper.
Wir sind ein Körper.
Wir sind jemand.
Wir sind alles und doch nichts.
Wir sind unsere Körperfunktionen, unser Geld.
Wir sind unsere Kinder, unsere Kaufkraft.
Wir sind unser Ableben und das Torkeln zwischen den Zeiten.
Wir sind Gefühle, wir sind Pathos.
Wir sind schlagende Herzen in der Mitte der Nacht.
Wir sind Schlager-Hasser und Randalierer.
Wir sind der Nahostkonflikt.
Wir sind unsere Inneneinrichtung und der Platz an der Sonne.
Wir sind friedliebende Hippies, Seifenblasen, abgelehnte Anträge.
Wir sind unser Haus. Wir sind unsere Heimat, die wir nicht sein wollen.
Wir sind grausam und großzügig.
Wir sind abgebrüht, zerkocht.
Wir sind Dilletanten, und wenn wir Lust haben, sind wir Nomaden.
Und wenn wir das alles nicht sind, sind wir wenigstens Humankapital.
Brennkohlen.
Stauseen.
Rausgeschmissenes Geld.

Wir sind alles und nichts.
Wir sind das, was man aus uns macht.
Wir sind die Generation ohne Namen, und wir zeugen eine weitere Generation ohne Namen.
Wir sind unsere Kinder.
Wir sind ihr erstes Wort.
Wir sind die, die ihnen ihren ersten Teddy schenken.
Wir sind die, die ihnen sagen müssen, dass alles halb so schlimm ist, obwohl wir es besser wissen.

Wir sind.
Man hat uns nicht gefragt, ob wir das möchten.
Wir sind die ersten und die letzten Menschen.
Wir sind Manifeste, Sätze, Worte, Buchstaben, Satzzeichen, Daten, Zahlen.
Wir sind abzählbar.
Wir sind das alte Lied.
Wir sind ein Aufzähltext.

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