trostpommes

Hier ist der Text meinre ersten Printveröffentlichung 🙂 In der August-Ausgabe vom Dresdner Stadtmagazin war diese kleine Geschichte zu lesen:

trostpommes

das sind also fünf meter. 3-mal so viel wie ich. blicke zur grazie dieses springers auf C-3, lausche der kraft seiner füße, höre den luftstrom um seine ohren, dann ein dumpfes platschen, tausende aufsteigende luftbläschen, sie platzen und knistern. dieser erste schachzug gewinnt die mädchen, hat max mir letzte pause zwischen zwei brotbissen gesagt. und dass man aus keinem anderen grund mit der schule schwimmen geht. doch was gewinnt mir diesen mut? ich bin eingenebelt von chlor, dampf, jungenschweiß. etwas mädchenrotze schwimmt auf der wasseroberfläche. mein pflaster vom impfen ist abgegangen. es klebt jetzt am punkt, den ich fixiere um mich abzulenken: denk nicht an diese bürde. jeder soll springen! hat frau eurich gesagt, das trillernde faltenhautgerippe. 20 leitersprossen, 20 schritte auf den gipfel, 5 meter über dem meer. dort oben ist der platz so knapp, da kann man leicht fallen – mein kopf zieht mich immer zu boden. ich sinke lieber drei als dass ich fünf meter falle, fühle lieber das trommelfell beben als mein herz rasen. isa, weißt du, ich träume davon, dass wir uns beim tauchen treffen, küssen, und ich verschlinge das weiche deiner milchbrötchenlippen jetzt schon. meine mutter zeigte mir die falschen filme. in denen kriegt immer ein springer die liebe, weil er – scheiß drauf, ich will!

die klasse in badehose auf dem mount everest. es muss doch kalt sein hier, oder warum zittere ich so? du, isa, du bist von hier so groß wie eine sommersprosse in deinem gesicht, wenn ich vor dir stehe und mich nicht traue. ja, ich weiß, max hat sich auch getraut, max das weichei. da passiert nix – außer dass ich auf dem beckenrand landen und mir den schädel aufschlagen kann, oder dass meine ferse ein loch in isas kopf bohrt. isa, ja, ich weiß, du wirst mir briefe schreiben. und vielleicht ein kuss, wenigstens hoffe ichs, aber im freien fall kann ich dich doch nicht halten. ich werde schreien, und ich schreie furchtbar, wie ein baby, sagt mama immer. wasser kann beton sein – scheiß drauf, scheiß auf das, ich will es – nicht. ich will wieder tauchen.
“nein, das sind keine tränen, das ist schweiß! schweiß, wirklich, ja, wirklich! ich habe doch keine angst, mir ist nur kalt! hört doch auf mich zu schubsen!”
sie hören nicht auf.
im freien fall kann ich mich nicht mehr halten, schreie noch drei meter weiter.

unter eurem gelächter rutsche ich fast auf dem duschboden aus. mit tropfenden handtüchern peitscht ihr gegen die pobacken, die den langsamen gehören. kaugummi zwischen den fliesen. in diesen kabinen scheinen zeit und scham nur ein zähes moor zu sein. ich werde erst später begreifen, dass in diesen tagen nie die ewigkeit steckte.
vom föhn ausgetrocknete stirn, flaum zwischen den beinen. eine zweierreihe rote wangen, nasse haare zieht hinter meinem spiegelbild vorbei. mama hat mir eine viel zu dicke jacke mitgegeben. dabei arbeite ich doch an meinem fell, strenge mich echt an, presse, aber die haut über meiner oberlippe bleibt stur und kahl. ich verharre noch eine weile, bestaune das rot in meinen augen. kommt das von der angst oder vom chlor?

die sonne scheint. isa und max auf dem heimweg am straßenende. hinten nur ich. blicke wie ein strauch, aber wenigstens mit trostpommes in der hand. die haut spannt auf den wangen, so, als würde sie gleich reißen. aus der nähe riecht man ein gedüngtes feld. du drehst dich kurz um, isa, aber ich nage an meinen verschrumpelten fingerspitzen. bin für dich so groß wie eine mücke, wenn sie auf deinen viel zu breiten brillengläsern sitzt, wenn du mich an ihr vorbei so süß verständnislos anblickst, so, als hätte ich grade was total kluges gesagt, was du nicht begreifst, aber dabei habe ich nur gestottert. das sind sie also – fünf meter mindestabstand. ich müsste 3-mal so groß sein um dich zu erreichen. na denn, spinat essen und schön weiter wachsen, abtauchen.
auf dich warten.

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